Möglichkeiten und Grenzen der modernen Kinderwunschbehandlung

Bei der Abklärung des unerfüllten Kinderwunsches sollte eine frühzeitige Stufendiagnostik bei beiden Partnern gleichzeitig durchgeführt werden.

Die altbekannte Basaltemperaturkurve liefert keine genauen Informationen über die Qualität von Eizellreifung und Gelbkörperfunktion und sollte daher nicht länger als drei Zyklen "strapaziert" werden.

Für eine präzise Überwachung des Zyklus sind vor dem Eisprung die Ultraschall-Beurteilung der Eierstöcke (Eibläschen) und der Gebärmutterhöhlenschleimhaut sowie Kontrolle des Gebärmutterhalses (Schleimmenge und -qualität, Vorhandensein beweglicher Samenfäden) zusammen mit der Bestimmung der Blutspiegel von Estrogenen und des eisprungauslösenden Hormons aus der Hirnanhangdrüse (LH) erforderlich.

Ebenso die Kontrolle der Hormone ca. 5-6 Tage nach dem Eisprung (Estrogen und Gelbkörperhormon). Fällt der Spermientest im Schleim des Gebärmutterhalses trotz guter Schleimqualität negativ aus (keine oder nur unbewegliche Spermien) sollte sich eine (fach-) andrologische Kontrolle anschließen. Bei unauffälligem Zyklusverlauf und positivem Spermientest ist eine Abklärung der Eileitersituation erforderlich. Bei "leerer" Anamnese (keine Unterleibsentzündungen, keine Bauch-OP), junger Patientin (< 35 J.) und Angst vor einer Bauchhöhlenspiegelung, kann zunächst (nur) die Eileiterdurchlässigkeit mittels Ultraschall überprüft werden. Diese Untersuchung liefert jedoch keine Information über die Eileiterwand, die Beziehung zum Eierstock oder mögliche Verwachsungen.

In allen anderen Fällen ist eine Bauchhöhlen- und Gebärmutterhöhlenspiegelung mit Kontrolle der Eileiterdurchlässigkeit angezeigt. Dies ist allerdings ein operativer Eingriff in Vollnarkose andererseits ergibt sich ein Maximum an Informationen sowie die Möglichkeit, z.B. Verwachsungen in der gleichen "Sitzung" zu lösen.

Zur Stimulation der insuffizienten Eireifung bietet sich anfänglich die Gabe von Clomifen-Tabletten an. Bei bekannt guter Wirkung auf die Eireifung kumuliert der unerwünschte Antiestrogeneffekt mit entsprechender Beeinträchtigung des Gebärmutterhalsschleims und der Gebärmutterhöhlenschleimhaut. Daher sollte diese Stimulationsform für maximal 4-6 Zyklen zur Anwendung kommen.

Zur stärkeren Stimulation der Eireifung stehen Hormonspritzen zur Verfügung. Diese enthalten die Steuerhormone FSH und LH, die auch die eigene Hirnanhangdrüse zur Regelung von Eierstöcken (und Hoden) nutzt. Die Gabe dieser potenten Medikamente sollten in der Hand des geübten Behandlers verbleiben, um Überstimulations- und Mehrlingsrisiko niedrig zu halten.

Ist wegen andrologischer Einschränkungen die Durchführung von Samenübertragungen (Inseminationen) erforderlich, sollten diese Maßnahmen nicht häufiger als 6-mal durchgeführt werden, denn ca. 80% aller auf diesem Wege induzierten Schwangerschaften (SS) entstehen  innerhalb der ersten 3 Zyklen!

Ist die Ausgangssamenqualität für Inseminationen (AIH = Artifizielle Insemination Homolog Samen vom Ehemann/Partner) nicht ausreichend oder bleibt der gewünschte Erfolg nach AIH aus, bietet sich die Durchführung eines IVF-Zyklus an. Die hierbei erzielte SS-Rate liegt im Bundesdurchschnitt bei ca. 25% pro Embryotransfer (ET) und damit auf dem Niveau der natürlichen Konzeptionsrate (pro Zyklus).

Bei noch stärkerer andrologischer Einschränkung ist die Kombination mit intrazytoplasmatischer Spermieninjektion (ICSI) angebracht; die Befruchtungsraten liegen bei dieser Maßnahme bei ca. 60-70%, so dass es bei durchschnittlich 10 gewonnenen Oozyten pro Punktion in nahezu 100% zum Embryotransfer  kommt.
Bei Azoo-, Krypto- oder Nekrozoospermie (keine, fast keine, nur tote Spermien im Ejakulat) gelingt es zumeist, injizierbare Spermien aus zuvor entnommenem (und danach kryokonserviertem = tiefgefrorenem) Hodengewebe zu isolieren ("Testikuläre Spermienextraktion" = TESE).

Die Verwendung von frischem Hodengewebe oder Nebenhodenaspirat ("Mikrochirurgischeepidydimale Spermienaspiration" = MESA) hat sich wegen aufwendiger OP-Technik bzw. des schwierigeren einzeitigen Vorgehens nicht durchgesetzt.

Die zeitliche Belastung einer IVF-Patientin umfaßt (von IVF-Zentrum zu Zentrum unterschiedlich) 2 - 3 Besuche für das Monitoring sowie 2 Besuche für Punktion und Transfer. Eine Follikelpunktion dauert ca. 10-15 Minuten und wird von ca. 60-90% der Patientinnen in Kurznarkose gewünscht. Um mütterliche, geburtshilfliche, perinatale, kindliche und schließlich auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme zu reduzieren, wird heute zumeist bei Patientinnen unter 30 (-35) Jahren zum Transfer von "nur" 2 Embryonen geraten, um auf diese Weise die Drillingsschwangerschaft zu vermeiden. Gelingt es, in einem Punktionszyklus mehr Eizellen zu befruchten, als das Paar transferiert haben möchte (i.d.R. 2 oder 3), können diese im Vorkernstadium kryokonserviert werden. Auf diesem Wege kann der Patientin eine (oder) mehrere erneute Stimulation/Punktion (ggf. auch ICSI) erspart werden (bei identischen SS-Raten!). Die Kryokonservierung ist somit sowohl eine Maßnahme zur Kostendämpfung (obwohl sie nicht routinemäßig von den Kassen erstattet wird!) als auch der Fürsorge für die Patientin.

Intensive Bemühungen werden heute auf reproduktionsmedizinischem Gebiet  unternommen, um die Schwangerschaftsraten bei der Befruchtung außerhalb des Körpers zu verbessern. Erfolgversprechende Herangehensweisen stellen in diesem Zusammenhang das unterstützte "Schlüpfen" des Embryos (Assisted Hatching- AH), der Blastozystentransfer sowie die Präimplantationsdiagnostik (PID) dar.
Mit zunehmendem Lebensalter kommt es zu einer Verdickung der die Eizelle umgebenden Schicht (Zona pellucida). Aber auch bei jungen Frauen kann trotz guter Embryonenqualität die Einnistung ausbleiben, bedingt durch Probleme der Zona. Zur Überwindung wurden verschiedene Methoden der artifiziellen Eröffnung (Assisted Hatching) der Zona pellucida entwickelt.

Ein weiterer Aspekt bei der Verbesserung der Schwangerschaftsraten  besteht darin, dass bei Rückgabe der Embryonen am Tag 4 oder 5 nach der Punktion (Blastozystentransfer) die Erfolgsraten höher als an früheren Tagen sind, da das embryonale Genom erst ab dem 3. Tag "eingeschaltet" wird.

Zusätzlich kann durch die Präimplantationsdiagnostik das Vorliegen monogenetischer Erbkrankheiten erkannt und die Abort- und Trisomie-Rate reduziert werden. Auf die besondere rechtliche Situation in der Bundesrepublik wird verwiesen.

Das jüngste "Kind" der Reproduktionsmedizin, die sog. Präimplantations-Genetische-Diagnostik (PGD) ist z. Zt. in Deutschland sehr umstritten und wird (noch?) nicht durchgeführt. Mit dieser Methode, den Embryo vor dem Transfer auf seine genetische Gesundheit hin zu untersuchen, könnten belasteten Paaren wiederholte Amniozentesen (Fruchtwasseruntersuchungen) und späte Schwangerschaftsabbrüche erspart werden.
Im (auch europäischen) Ausland wird diese Methode bereits erfolgreich angewendet, in Deutschland gibt es noch keine einheitliche Rechtssprechung, so dass es theoretisch zu einem "PGD-Tourismus" in das europäische Ausland kommen könnte.
Diesen Tourismus gibt es zur Zeit in der Republik für unverheiratete Paare, denn nur in wenigen Bundesländern sind die Maßnahmen der "künstlichen Befruchtung" bei unverheirateten Paaren durchführbar, in anderen Bundesländern dagegen bereitet es keine Schwierigkeiten, eine erforderliche Sondergenehmigung für die Durchführung einer IVF-Therapie mit Spendersamenzu bekommen.

 

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