Neues von den Kongressen: Bericht von der ASRM im Oktober
2001
Im Folgenden berichtet Dr. Fabian Sell über einige interessante
Neuigkeiten von der ASRM (American Society for Reproductive
Medicine), die im Oktober 2001 in Orlando / Florida stattfand:
Wie wünschen sich Patienten den Umgang mit ihren überzähligen
Embryonen?
Zwei Studien, die am Montag präsentiert wurden, beschäftigen
sich mit Fertilitätspatientinnen und ihren Entscheidungen
bezüglich der weiteren Handhabung überzähliger,
kryokonservierter Embryonen. Da in der Regel, wenn auch nicht
in der Bundesrepublik, mehr Embryonen produziert werden, als
letztendlich verwendet werden, erfordert es von Seiten der Patienten
eine Entscheidung darüber, wie mit diesen Embryonen verfahren
werden soll.
Im Rahmen der ersten Studie befragten Dr. Susan Klock und ihre
Kollegen von der Northwestern University Medical School nahezu
100 Paare, bei denen überzählige kryokonservierte
Embryonen vorhanden waren. Bei 41 Paaren, bei denen die Entscheidung
sowohl vor als auch nach der Behandlung aufgezeichnet wurde,
blieben nur 12 (29%) bei ihrer zuerst getroffenen Wahl. Dies
bedeutet, dass die Mehrzahl der Paare ihre Meinung darüber,
was mit den überzähligen Embryonen geschehen sollte,
geändert hatte.
Interessant erscheint hierbei die Tatsache, dass die endgültige
Entscheidung nicht in Zusammenhang steht, ob das Paar ein Kind
bekam oder nicht. Etwa die Hälfte der Paare führte
an, dass ihre religiösen Überzeugungen bei der Entscheidung
keine Rolle spielten, und ungefähr die Hälfte hatten
nicht das Gefühl, dass Vernichtung von überzähligen
Embryonen moralisch einer Abtreibung gleichzusetzen sei.
In einer ergänzenden kanadischen Studie wurde untersucht,
welche Faktoren Paare beeinflussen, an einem Embryonenspende-Programm
teilzunehmen. Ein von Dr. C.R. Newton geführtes Team am
London Health Science Centre identifizierte und lokalisierte
49 Paare, die in einem Zeitraum von 3 bis 8 Jahren nicht über
ihre tiefgefrorenen Embryonen verfügt hatten. Die Patienten
erhielten nunmehr eine Broschüre, die das Embryonenspende-Programm
beschrieb und wurden über ihre Bereitschaft, daran teilzunehmen,
befragt.
Während die Mehrzahl dieser Paare (73%) eine Embryonenspende
prinzipiell befürwortete, sagten jedoch nur 12% der Paare,
dass sie definitiv daran interessiert wären, ihre eigenen
Embryonen zu spenden. Weitere 18% der Paare gaben an, dass sie
unter Umständen zu einer Embryonenspende bereit wären,
dass dies jedoch von ergänzenden Bedingungen und Umständen
abhinge.
Die Patienten äußerten unterschiedliche Ansichten
über die Weitergabe von Informationen an potentielle Empfänger
und deren mögliche Nachkommen. Diejenigen Paare, die sich
stärker für eine Embryonenspende interessierten, waren
auch generell eher bereit, persönliche Informationen preiszugeben.
"In der Diskussion über die Handhabung überzähliger
Embryonen scheint jeder eine eigene Meinung zu haben: Ärzte,
Anwälte, Theologen, Ethiker und Politiker haben alle etwas
zu sagen. Ich hoffe, diese Studien erinnern uns daran, auf die
wichtigste Stimme zu hören, nämlich die der Patienten",
stellte Michael Soules, MD, Präsident der ASRM, fest.
In vitro Gewinnung von Endometriumgewebe
In Orlando gaben Forscher bekannt, dass sie im Labor endometriales
Gewebe mit glandulären Strukturen gezüchtet hätten,
das dem entsprechenden in-vivo Gewebe sehr ähnlich ist.
Über das Anlegen einfacher Zellkulturen hinaus, gelang
es Hung-Ching Liu, PhD, am Cornell`s Weill Medical College,
die Zellen zu einem dreidimensionalen Wachstum zu stimulieren,
das der natürlichen Struktur der Gebärmutterschleimhaut
entspricht.
Die Forscher begannen damit, endometrische Zellen in biologisch
abbaubares Collagen und co-polymeres Muttergewebe einzusäen,
um den Zellen eine Wachstumsoberfläche und eine Leitstruktur
für das sich entwickelnde Gewebe zu geben. In dem Maße,
in dem das Gewebe wuchs, löste sich die Matrix auf. Die
Zellen wurden zwei Wochen lang kultiviert und mit unterschiedlichen
proteinhaltigen Nährlösungen kultiviert. Einigen Kulturen
wurde Insulin beigefügt. Im Verlauf der folgenden drei
Wochen wurden den Zellkulturen unterschiedliche Substanzen zugesetzt:
Zugabe von Insulin, Zugabe von Insulin plus Östrogen, Zugabe
von Insulin plus einer Östrogen/Progesteron Kombination.
Nach Abschluß der Kultivierung wurde das Gewebe auf Objektträgern
präpariert und mikroskopisch untersucht:
Man fand heraus, dass das Gewebewachstum, insbesondere das Wachstum
von Drüsenzellen, durch die Zugabe von Steroidhormonen,
speziell durch die Östrogen/Progesteron Kombination, signifikant
gefördert wurde. Die Zugabe der Hormone ermöglichte
es den Zellen, innerhalb der Matrix ein Gewebe mit drüsenähnlichen
Strukturen aufzubauen, das dem authentischen, körpereigenen
Endometrium stark ähnelt. Die Möglichkeit, endometrisches
Gewebe außerhalb des Körpers zu kultivieren, bietet
eine Anzahl interessanter Forschungsansätze. Unter anderem
kann jetzt die Implantation von Embryonen und die Wechselbeziehungen
von Embryonen und Endometrium untersucht werden.
Eizellen mit dem Genom somatischer Zellen
Wissenschaftler am Weill Medical College der Cornell University
erzielten bei der Entwicklung von Eizellen unter Verwendung
genetischen Materials aus Körperzellen große Fortschritte.
Sie transplantierten Kumuluszellen mit 46 Chromosomen in entkernte
Eizellen. Dann stimulierten sie die Eizellen bis zur Meiose.
Dr. Palermo und sein Team arbeiteten an der Entwicklung haploider
menschlicher Eizellen unter Verwendung eines aus Körperzellen
stammenden Genoms. Nach der Einwilligung der Patienten wurden
unreife Eizellen entnommen und in vitro zur Reife gebracht.
Danach wurden die Chromosomen dargestellt und entfernt. Nachdem
das genetische Material aus den Eizellen entfernt worden war,
wurden diploide Kumuluszellen in die Eizellen eingebracht. Diese
stammten sowohl von demselben Patienten als auch von anderen,
die dafür zuvor ihre Einwilligung gegeben hatten. Die nunmehr
diploiden Eizellen wurden chemisch oder physikalisch stimuliert,
um die Teilung in einen haploiden Chromosomensatz zu erreichen.
Nach 16 bis 20 Stunden wurden die Eizellen auf Pronuklei und/oder
auf hervorstehende Polkörperchen untersucht. Zur Bestätigung
wurden zytogenetische Tests mit speziellem Augenmerk auf drei
Chromosomen durchgeführt.
Nach jedem Schritt wurde das Auftreten überlebender Zellen
ausgewertet. Von den ursprünglich gespendeten 159 Eizellen
erreichten 107 das Reifestadium, in dem der Zellkern entfernt
werden konnte. Dieser Vorgang war bei 85 Eizellen erfolgreich,
wovon wiederum 59 die Übertragung von Kumuluszellen überlebten.
Die weitere Kultivierung resultierte in 16 Eizellen mit jeweils
einem Pronukleus und 12 Eizellen mit jeweils zwei; keine dieser
Eizellen brachte ein Polkörperchen hervor. Die Eizellen
erschienen gesund, ähnlich den befruchteten Eizellen nach
einer intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI). Zytogenetische
Tests erwiesen, dass bei den Eizellen mit nur einem Pronukleus
der Chromosomensatz von 46 sich nicht in zwei Sets von 23 geteilt
hatte; bei Eizellen mit zwei Pronuklei enthielt jeder Pronukleus
23 Chromosomen.
Diese Resultate zeigen, dass chemische und/oder physikalische
Reize einen Körperzellkern mit 46 Chromosomen innerhalb
einer entkernten Eizelle wirksam dazu stimulieren, sich zu teilen,
um den Kern mit 23 Chromosomen zu bilden, wie er für eine
funktionsfähige Eizelle notwendig ist.
Kerntransfer rettet Eizellen mit dysfunktionalen Mitochondrien
Forscher stellen fest, dass die Transplantation des Zellkerns
den Stillstand des Reifeprozesses, der bei einer Eizelle mit
beschädigtem Zytoplasma auftritt, aufhebt.
Im Fall von gealterten Eizellen, die sich nicht richtig entwickelten,
wurde die Transplantation von Zellkernen als Behandlungsmethode
in Betracht gezogen. Da aber auf diesem Gebiet bislang noch
keine Forschungsarbeit am Menschen betrieben wurde, sind die
Mechanismen, durch die gesundes Zytoplasma zu einer erfolgreichen
Entwicklung der Eizelle beiträgt, nur unvollständig
bekannt. Die Dysfunktion der Mitochondrien, die in einer Unterbrechung
der Energieversorgung der Zelle resultiert, kann in Eizellen
hervorgerufen werden, um den Zustand des Zytoplasmas einer gealterten
Eizelle zu simulieren. Um die Möglichkeiten einer Rettung
von Zellkernen aus Eizellen mit schlechtem Zytoplasma zu erforschen,
verwendeten Gianpiero D. Palermo, MD, und seine Kollegen, Eizellen
von Mäusen, die auf dieselbe Art wie menschliche Eizellen
manipuliert werden können.
Es wurden Eizellen weiblicher Mäuse entnommen und bestrahlt,
um die Mitochondrien zu zerstören. Ihre Kerne wurden entfernt
und dann in gesunde entkernte Eizellen von Mäusen transplantiert.
Aus den wiederhergestellten Eizellen wurden über einen
Zeitraum von 14 bis 16 Stunden Kulturen angelegt und anschließend
auf ihre Reifestadium untersucht. Von einigen der wiederhergestellten
Eizellen wurde ein Karyogramm erstellt, d.h. die Chromosomen
wurden dargestellt, gezählt und auf Defekte untersucht.
Drei Typen von Eizellen wurden auf ihr Reifungspotential untersucht:
a) photosensibilisierte Eizellen mit intaktem Zellkern; b)
wiederhergestellte Eizellen, bestehend aus entkernten gesunden
Eizellen, in die ein aus einer photosensibilisierten Eizelle
entnommener Zellkern übertragen wurde; und
c) gesunde, nicht manipulierte Kontrollzellen.
Die Eizellen mit photosensibilisierten Mitochondrien reiften
in wesentlich geringerem Umfang als die Zellen der Kontrollfraktion.
Wenn jedoch die Zellkerne aus photosensibilisierten Eizellen
in gesunde Zellen übertragen wurden, verbesserte sich deren
Reifeprozeß signifikant. Von 82 Eizellen wurden 42 erfolgreich
wiederhergestellt; 33 davon reiften. Also ein wesentlich höherer
Anteil als bei den photosensibilisierten Eizellen, die nicht
einem Zellkerntransfer unterzogen wurden. Für 24 der geretteten
Eizellen wurde ein Karyogramm erstellt; 14 Karyogramme konnten
analysiert werden. Alle wiesen eine normale Zusammensetzung
der Chromosomen auf.
Zwar wurde das volle Potential der Entwicklung wiederhergestellter
Eizellen nicht zur Gänze ausgeschöpft; es konnte jedoch
festgestellt werden, dass der charakteristische Reifungsstillstand
gealterter Eizellen, der in dieser Studie durch Photosensibilisierung
der Mitochondrien simuliert wurde, durch Kerntransplantation
aufgehoben werden kann. Darüber erscheint bewiesen, dass
eine normale Entwicklung der Chromosomen stattfindet, wenn der
Nukleus in gesundes Zytoplasma übertragen wird.
Frauen, die sich einer IVF-Behandlung unterziehen, empfinden
eine verminderte Libido
Forschungsergebnisse, die am Montag präsentiert wurden,
belegen, dass Frauen, die sich einer IVF-Therapie unterziehen,
eine verminderte sexuelle Befriedigung sowie Funktionsfähigkeit
empfinden.
Dr. J.E. Norten von der Duke`s University bat Patientinnen,
einen Fragebogen auszufüllen. Die Fragen betrafen ihre
sexuelle Beziehung und Funktionsfähigkeit sowohl bezüglich
ihrer derzeitigen Erfahrungen als auch bezüglich ihrer
Gefühle im unbeschwerten, prätherapeutischen Zeitraum.
88 Frauen beantworteten Fragen über ihr Geschlechtsleben
vor und während ihrer Therapie. Nachdem sie eine solche
Therapie begonnen hatten, berichtete ein statistisch signifikanter
Teil der Frauen, dass sie weniger häufig Geschlechtsverkehr
hatten, sich weniger auf das erotische Vorspiel einließen,
weniger physiologische Anzeichen der Erregung wahrnahmen, weniger
sexuelles Verlangen empfanden, und dass sie generell weniger
zufrieden mit der Qualität ihrer sexuellen Beziehung waren.
Während einige Paare weiterhin ein normales Geschlechtsleben
führen, zeigt die Statistik, dass eine Untergruppe von
Patienten eine signifikante Verminderung in vielen Facetten
ihres Geschlechtslebens wahrnehmen. Diese Paare müssen
für eine mögliche Behandlung identifiziert werden.
Für 27 Männer lagen ebenfalls Daten vor. Vergleiche
der sexuellen Erfahrungen der Männer vor und während
der IVF-Therapie erreichten nicht die statistische Signifikanz,
die bei den Frauen erreicht wurde. Die Stichprobe war hierfür
zu klein.