H.I.K.-aktuell 06/02 - Frühjahr 2002

 

Neues von den Kongressen: Bericht von der ASRM im Oktober 2001

Im Folgenden berichtet Dr. Fabian Sell über einige interessante Neuigkeiten von der ASRM (American Society for Reproductive Medicine), die im Oktober 2001 in Orlando / Florida stattfand:


Wie wünschen sich Patienten den Umgang mit ihren überzähligen Embryonen?

Zwei Studien, die am Montag präsentiert wurden, beschäftigen sich mit Fertilitätspatientinnen und ihren Entscheidungen bezüglich der weiteren Handhabung überzähliger, kryokonservierter Embryonen. Da in der Regel, wenn auch nicht in der Bundesrepublik, mehr Embryonen produziert werden, als letztendlich verwendet werden, erfordert es von Seiten der Patienten eine Entscheidung darüber, wie mit diesen Embryonen verfahren werden soll.

Im Rahmen der ersten Studie befragten Dr. Susan Klock und ihre Kollegen von der Northwestern University Medical School nahezu 100 Paare, bei denen überzählige kryokonservierte Embryonen vorhanden waren. Bei 41 Paaren, bei denen die Entscheidung sowohl vor als auch nach der Behandlung aufgezeichnet wurde, blieben nur 12 (29%) bei ihrer zuerst getroffenen Wahl. Dies bedeutet, dass die Mehrzahl der Paare ihre Meinung darüber, was mit den überzähligen Embryonen geschehen sollte, geändert hatte.
Interessant erscheint hierbei die Tatsache, dass die endgültige Entscheidung nicht in Zusammenhang steht, ob das Paar ein Kind bekam oder nicht. Etwa die Hälfte der Paare führte an, dass ihre religiösen Überzeugungen bei der Entscheidung keine Rolle spielten, und ungefähr die Hälfte hatten nicht das Gefühl, dass Vernichtung von überzähligen Embryonen moralisch einer Abtreibung gleichzusetzen sei.

In einer ergänzenden kanadischen Studie wurde untersucht, welche Faktoren Paare beeinflussen, an einem Embryonenspende-Programm teilzunehmen. Ein von Dr. C.R. Newton geführtes Team am London Health Science Centre identifizierte und lokalisierte 49 Paare, die in einem Zeitraum von 3 bis 8 Jahren nicht über ihre tiefgefrorenen Embryonen verfügt hatten. Die Patienten erhielten nunmehr eine Broschüre, die das Embryonenspende-Programm beschrieb und wurden über ihre Bereitschaft, daran teilzunehmen, befragt.

Während die Mehrzahl dieser Paare (73%) eine Embryonenspende prinzipiell befürwortete, sagten jedoch nur 12% der Paare, dass sie definitiv daran interessiert wären, ihre eigenen Embryonen zu spenden. Weitere 18% der Paare gaben an, dass sie unter Umständen zu einer Embryonenspende bereit wären, dass dies jedoch von ergänzenden Bedingungen und Umständen abhinge.

Die Patienten äußerten unterschiedliche Ansichten über die Weitergabe von Informationen an potentielle Empfänger und deren mögliche Nachkommen. Diejenigen Paare, die sich stärker für eine Embryonenspende interessierten, waren auch generell eher bereit, persönliche Informationen preiszugeben.

"In der Diskussion über die Handhabung überzähliger Embryonen scheint jeder eine eigene Meinung zu haben: Ärzte, Anwälte, Theologen, Ethiker und Politiker haben alle etwas zu sagen. Ich hoffe, diese Studien erinnern uns daran, auf die wichtigste Stimme zu hören, nämlich die der Patienten", stellte Michael Soules, MD, Präsident der ASRM, fest.


In vitro Gewinnung von Endometriumgewebe

In Orlando gaben Forscher bekannt, dass sie im Labor endometriales Gewebe mit glandulären Strukturen gezüchtet hätten, das dem entsprechenden in-vivo Gewebe sehr ähnlich ist. Über das Anlegen einfacher Zellkulturen hinaus, gelang es Hung-Ching Liu, PhD, am Cornell`s Weill Medical College, die Zellen zu einem dreidimensionalen Wachstum zu stimulieren, das der natürlichen Struktur der Gebärmutterschleimhaut entspricht.

Die Forscher begannen damit, endometrische Zellen in biologisch abbaubares Collagen und co-polymeres Muttergewebe einzusäen, um den Zellen eine Wachstumsoberfläche und eine Leitstruktur für das sich entwickelnde Gewebe zu geben. In dem Maße, in dem das Gewebe wuchs, löste sich die Matrix auf. Die Zellen wurden zwei Wochen lang kultiviert und mit unterschiedlichen proteinhaltigen Nährlösungen kultiviert. Einigen Kulturen wurde Insulin beigefügt. Im Verlauf der folgenden drei Wochen wurden den Zellkulturen unterschiedliche Substanzen zugesetzt: Zugabe von Insulin, Zugabe von Insulin plus Östrogen, Zugabe von Insulin plus einer Östrogen/Progesteron Kombination. Nach Abschluß der Kultivierung wurde das Gewebe auf Objektträgern präpariert und mikroskopisch untersucht:
Man fand heraus, dass das Gewebewachstum, insbesondere das Wachstum von Drüsenzellen, durch die Zugabe von Steroidhormonen, speziell durch die Östrogen/Progesteron Kombination, signifikant gefördert wurde. Die Zugabe der Hormone ermöglichte es den Zellen, innerhalb der Matrix ein Gewebe mit drüsenähnlichen Strukturen aufzubauen, das dem authentischen, körpereigenen Endometrium stark ähnelt. Die Möglichkeit, endometrisches Gewebe außerhalb des Körpers zu kultivieren, bietet eine Anzahl interessanter Forschungsansätze. Unter anderem kann jetzt die Implantation von Embryonen und die Wechselbeziehungen von Embryonen und Endometrium untersucht werden.


Eizellen mit dem Genom somatischer Zellen

Wissenschaftler am Weill Medical College der Cornell University erzielten bei der Entwicklung von Eizellen unter Verwendung genetischen Materials aus Körperzellen große Fortschritte. Sie transplantierten Kumuluszellen mit 46 Chromosomen in entkernte Eizellen. Dann stimulierten sie die Eizellen bis zur Meiose.

Dr. Palermo und sein Team arbeiteten an der Entwicklung haploider menschlicher Eizellen unter Verwendung eines aus Körperzellen stammenden Genoms. Nach der Einwilligung der Patienten wurden unreife Eizellen entnommen und in vitro zur Reife gebracht. Danach wurden die Chromosomen dargestellt und entfernt. Nachdem das genetische Material aus den Eizellen entfernt worden war, wurden diploide Kumuluszellen in die Eizellen eingebracht. Diese stammten sowohl von demselben Patienten als auch von anderen, die dafür zuvor ihre Einwilligung gegeben hatten. Die nunmehr diploiden Eizellen wurden chemisch oder physikalisch stimuliert, um die Teilung in einen haploiden Chromosomensatz zu erreichen. Nach 16 bis 20 Stunden wurden die Eizellen auf Pronuklei und/oder auf hervorstehende Polkörperchen untersucht. Zur Bestätigung wurden zytogenetische Tests mit speziellem Augenmerk auf drei Chromosomen durchgeführt.

Nach jedem Schritt wurde das Auftreten überlebender Zellen ausgewertet. Von den ursprünglich gespendeten 159 Eizellen erreichten 107 das Reifestadium, in dem der Zellkern entfernt werden konnte. Dieser Vorgang war bei 85 Eizellen erfolgreich, wovon wiederum 59 die Übertragung von Kumuluszellen überlebten. Die weitere Kultivierung resultierte in 16 Eizellen mit jeweils einem Pronukleus und 12 Eizellen mit jeweils zwei; keine dieser Eizellen brachte ein Polkörperchen hervor. Die Eizellen erschienen gesund, ähnlich den befruchteten Eizellen nach einer intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI). Zytogenetische Tests erwiesen, dass bei den Eizellen mit nur einem Pronukleus der Chromosomensatz von 46 sich nicht in zwei Sets von 23 geteilt hatte; bei Eizellen mit zwei Pronuklei enthielt jeder Pronukleus 23 Chromosomen.

Diese Resultate zeigen, dass chemische und/oder physikalische Reize einen Körperzellkern mit 46 Chromosomen innerhalb einer entkernten Eizelle wirksam dazu stimulieren, sich zu teilen, um den Kern mit 23 Chromosomen zu bilden, wie er für eine funktionsfähige Eizelle notwendig ist.


Kerntransfer rettet Eizellen mit dysfunktionalen Mitochondrien

Forscher stellen fest, dass die Transplantation des Zellkerns den Stillstand des Reifeprozesses, der bei einer Eizelle mit beschädigtem Zytoplasma auftritt, aufhebt.

Im Fall von gealterten Eizellen, die sich nicht richtig entwickelten, wurde die Transplantation von Zellkernen als Behandlungsmethode in Betracht gezogen. Da aber auf diesem Gebiet bislang noch keine Forschungsarbeit am Menschen betrieben wurde, sind die Mechanismen, durch die gesundes Zytoplasma zu einer erfolgreichen Entwicklung der Eizelle beiträgt, nur unvollständig bekannt. Die Dysfunktion der Mitochondrien, die in einer Unterbrechung der Energieversorgung der Zelle resultiert, kann in Eizellen hervorgerufen werden, um den Zustand des Zytoplasmas einer gealterten Eizelle zu simulieren. Um die Möglichkeiten einer Rettung von Zellkernen aus Eizellen mit schlechtem Zytoplasma zu erforschen, verwendeten Gianpiero D. Palermo, MD, und seine Kollegen, Eizellen von Mäusen, die auf dieselbe Art wie menschliche Eizellen manipuliert werden können.

Es wurden Eizellen weiblicher Mäuse entnommen und bestrahlt, um die Mitochondrien zu zerstören. Ihre Kerne wurden entfernt und dann in gesunde entkernte Eizellen von Mäusen transplantiert. Aus den wiederhergestellten Eizellen wurden über einen Zeitraum von 14 bis 16 Stunden Kulturen angelegt und anschließend auf ihre Reifestadium untersucht. Von einigen der wiederhergestellten Eizellen wurde ein Karyogramm erstellt, d.h. die Chromosomen wurden dargestellt, gezählt und auf Defekte untersucht.

Drei Typen von Eizellen wurden auf ihr Reifungspotential untersucht:

a) photosensibilisierte Eizellen mit intaktem Zellkern; b) wiederhergestellte Eizellen, bestehend aus entkernten gesunden Eizellen, in die ein aus einer photosensibilisierten Eizelle entnommener Zellkern übertragen wurde; und
c) gesunde, nicht manipulierte Kontrollzellen.
Die Eizellen mit photosensibilisierten Mitochondrien reiften in wesentlich geringerem Umfang als die Zellen der Kontrollfraktion. Wenn jedoch die Zellkerne aus photosensibilisierten Eizellen in gesunde Zellen übertragen wurden, verbesserte sich deren Reifeprozeß signifikant. Von 82 Eizellen wurden 42 erfolgreich wiederhergestellt; 33 davon reiften. Also ein wesentlich höherer Anteil als bei den photosensibilisierten Eizellen, die nicht einem Zellkerntransfer unterzogen wurden. Für 24 der geretteten Eizellen wurde ein Karyogramm erstellt; 14 Karyogramme konnten analysiert werden. Alle wiesen eine normale Zusammensetzung der Chromosomen auf.
Zwar wurde das volle Potential der Entwicklung wiederhergestellter Eizellen nicht zur Gänze ausgeschöpft; es konnte jedoch festgestellt werden, dass der charakteristische Reifungsstillstand gealterter Eizellen, der in dieser Studie durch Photosensibilisierung der Mitochondrien simuliert wurde, durch Kerntransplantation aufgehoben werden kann. Darüber erscheint bewiesen, dass eine normale Entwicklung der Chromosomen stattfindet, wenn der Nukleus in gesundes Zytoplasma übertragen wird.


Frauen, die sich einer IVF-Behandlung unterziehen, empfinden eine verminderte Libido

Forschungsergebnisse, die am Montag präsentiert wurden, belegen, dass Frauen, die sich einer IVF-Therapie unterziehen, eine verminderte sexuelle Befriedigung sowie Funktionsfähigkeit empfinden.

Dr. J.E. Norten von der Duke`s University bat Patientinnen, einen Fragebogen auszufüllen. Die Fragen betrafen ihre sexuelle Beziehung und Funktionsfähigkeit sowohl bezüglich ihrer derzeitigen Erfahrungen als auch bezüglich ihrer Gefühle im unbeschwerten, prätherapeutischen Zeitraum.

88 Frauen beantworteten Fragen über ihr Geschlechtsleben vor und während ihrer Therapie. Nachdem sie eine solche Therapie begonnen hatten, berichtete ein statistisch signifikanter Teil der Frauen, dass sie weniger häufig Geschlechtsverkehr hatten, sich weniger auf das erotische Vorspiel einließen, weniger physiologische Anzeichen der Erregung wahrnahmen, weniger sexuelles Verlangen empfanden, und dass sie generell weniger zufrieden mit der Qualität ihrer sexuellen Beziehung waren. Während einige Paare weiterhin ein normales Geschlechtsleben führen, zeigt die Statistik, dass eine Untergruppe von Patienten eine signifikante Verminderung in vielen Facetten ihres Geschlechtslebens wahrnehmen. Diese Paare müssen für eine mögliche Behandlung identifiziert werden.
Für 27 Männer lagen ebenfalls Daten vor. Vergleiche der sexuellen Erfahrungen der Männer vor und während der IVF-Therapie erreichten nicht die statistische Signifikanz, die bei den Frauen erreicht wurde. Die Stichprobe war hierfür zu klein.


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