Serie: Krankheitsbilder/Therapeutische Maßnahmen, Folge
2: PID
Präimplantationsdiagnostik
Obwohl über dieses Thema in den letzten Monaten sicher viel
gelesen und berichtet wurde, soll es hier doch nochmals aufgegriffen
werden. Anlass gab ein Artikel von Priv.-Doz. Dr. med. G. Maio1,
der eine umfassende Übersicht über die verschiedenen Argumente
gibt und sie gegeneinander abwägt. Diese Publikation soll hier
verkürzt wiedergegeben werden.
PID bedeutet, dass das Erbmaterial künstlich befruchteter Embryonen
vor dem Transfer in die Gebärmutter auf Defekte wie z.B. bestimmte
Krankheiten getestet und erst dann über den Transfer entschieden
wird. In Europa wird die PID unterschiedlich beurteilt. In Deutschland
hält man die PID aus den folgenden Gründen nicht mit dem Embryonenschutzgesetz
vereinbar:
Das Gesetz verbietet
- jegliche Manipulation an einem Embryo, die nicht seinem
Erhalt dient und
- eine künstliche Befruchtung, die nicht unmittelbar die Herbeiführung
einer Schwangerschaft zum Ziel hat.
Das Embryonenschutzargument
Entscheidend ist der moralische Status bzw. die Schutzwürdigkeit
des Embryos. Hier gibt es drei Ansätze:
- Absolute Schutzwürdigkeit (Personenmodel): Das Personenmodel
legt zugrunde, dass dem Embryo ab dem Moment der Befruchtung
derselbe Status wie dem geborenen Kind zukommt, man ihn also
als Person auffasst und er damit ebenso schutzwürdig ist.
Damit käme dem Embryo in diesem Stadium Menschenwürde zu.
- Abgestufte Schutzwürdigkeit (Stufen- oder Progredienzmodel):
Das Stufenmodel unterscheidet zwischen Person und Nicht-Person.
Die Grenze könnte z.B. mit dem Zeitpunkt der Nidation (Einnistung
des Embryos) fixiert werden, andere Fixpunkte sind denkbar.
Ab einer gewissen Grenze ist der Embryo damit schutzwürdig,
darunter nicht oder eher eingeschränkt. Das Progredienzmodel
fixiert nicht so deutlich eine Grenze, sondern legt zugrunde,
dass der Embryo von Anfang an eine gewisse Schutzwürdigkeit
hat, die mit fortschreitender Entwicklung zunimmt.
- Inexistente Schutzwürdigkeit (Objektmodel): Das Model sieht
den Embryo als Objekt, als Nicht-Person; in der öffentlichen
Diskussion ist dies häufig durch die Bezeichnung "reiner Zellhaufen"
zum Ausdruck gekommen.
Instinktiv wird von vielen Menschen das Progredienzmodel akzeptiert.
Dies impliziert, dass ein Schwangerschaftsabbruch in einem späteren
Stadium der fetalen Entwicklung moralisch eher zu verurteilen
ist, als die Vernichtung eines Embryos. Seit den 70-er Jahren
ist in Deutschland der selektive Schwangerschaftsabbruch bei
entsprechender Diagnosestellung möglich. Insbesondere vor diesem
Hintergrund erscheint das Nichtimplantieren eines Embryos als
weniger verwerflich als eine Schwangerschaftsabbruch in der
12. Woche.
Das Argument des "Wertungswiderspruchs"
Die Tatsache, dass der Embryo in vitro einen stärkeren Schutz
durch das Embryonenschutzgesetz genießt, als der Embryo in utero
wird von vielen Menschen als Wertungswiderspruch empfunden.
Diese unterschiedliche Wertung kann wie folgt erklärt werden:
Der Embryo im Labor könnte insofern als schutzwürdiger angesehen
werden als der Fetus im Mutterleib in der 12. Schwangerschaftswoche,
als er gerade in diesem Vergleich besonders schutzlos ist, da
ihm der emotionale Schutz der Schwangerschaft fehlt. Des Weiteren
wird der Schwangerschaftsabbruch nur durch eine Notsituation
der Mutter gerechtfertigt. Damit wird die Schutzwürdigkeit von
Embryonen und Feten gegen die Rechte der Mutter aufgewogen.
Bei der PID fehlt diese Konfliktsituation, es werden keine Personenrechte
gegenübergestellt.
Das Argument der Zeugung auf Probe
Das eigentliche Problem, was durch die PID aufgeworfen wird,
ist nach Maio nicht so sehr in einer veränderten Schutzwürdigkeit
des Embryos zu sehen, sondern vielmehr in der Möglichkeit aus
einer Vielzahl von Embryonen einen einzelnen auszusuchen. Während
der selektive Schwangerschaftsabbruch eine klare ja / nein -
Entscheidung für oder wider das Leben ist, erfolgt durch die
Möglichkeiten der PID in vitro die Entscheidung gegen den einen
und für den anderen Embryo. Es erfolgt eine Auswahl; der Embryo
wird nicht um seiner selbst Willen gezeugt oder gar am Leben
erhalten sondern aufgrund der Tatsache, dass er Träger eines
bestimmten Gens ist oder nicht. Damit wird der Embryo lt. Maio
instrumentalisiert; "weil seine Annahme nicht von seiner Existenz
abhängig gemacht wird sondern von der genetischen Qualitätsprüfung".
Impliziert man eine Konfliktsituation der Eltern, so steht die
PID gegen Verzicht auf ein Kind oder Adoption. Die Frage ist
tatsächlich, ob in diesem Sinne die Unzumutbarkeit für die Eltern
Rechtfertigung genug für die o. b. Instrumentalisierung des
Embryos ist.
Ist die PID moralisch unzulässiger als der selektive Schwangerschaftsabbruch?
Diese Frage wirft gleichzeitig die Frage nach der Vergleichbarkeit
der beiden Situationen auf. Bei der PID ist die Zeugung auf
Probe vorprogrammiert, da von vorne herein mehrere Embryonen
erzeugt werden. Dagegen ist der selektive Schwangerschaftsabbruch
eine ja / nein - Entscheidung, die erst nach Eintreten der Schwangerschaft
zur Debatte steht. Vom Aspekt der Instrumentalisierung wiegt
nach Maio die PID schwerer als die Pränataldiagnostik.
Eine Rechtfertigung der beschriebenen Instrumentalisierung
könnte z. B. im Interesse des Kindes erfolgen. Der theoretische
Ansatz ist also: Hat das Kind ein Interesse an seiner Nichtexistenz?
Gibt es eine Erkrankung, die so schwerwiegend ist? Derartige
Überlegungen sind äußerst schwierig, da unvorstellbar. Insofern
bleibt festzuhalten, dass bei der PID die Entscheidung im Interesse
Dritter (der Eltern) erfolgt.
Unter Einbeziehung der anfangs erwähnten Modelle der Schutzwürdigkeit
von Embryonen läßt sich zusammenfassen, dass bei Anwendung des
Personenschutzmodels die PID unzulässiger ist als die Pränataldiagnostik,
da in beiden Fällen die gleiche Schutzwürdigkeit zugrunde gelegt
wird, bei der PID aber die Instrumentalisierung dazu kommt.
Vor dem Hintergrund des Progredienzmodels ist der Schwangerschaftsabbruch
im fortgeschritteneren Entwicklungsstadium problematischer.
Das Argument der Kränkung behinderter Menschen
Die Bewertung eines Embryos bzw. dessen Ablehnung impliziert
eine Bewertung von Menschen, die denselben Gendefekt tragen.
Obwohl dieses Argument vielfach gerade in der Diskussion um
die PID in Deutschland bemüht wurde, muss man sagen, dass sich
hier PID und Pränataldiagnostik nicht unterscheiden.
Das Argument der Schiefen Ebene
Das Argument der schiefen Ebene besagt, dass man eine Handlung
A vollzieht, die zwar als moralisch unbedenklich gilt, die aber
unweigerlich eine nicht beherrschbare Handlungskaskade in Gang
setzt, an deren Ende die Handlung Z steht, die als in jedem
Fall unmoralisch und inakzeptabel ist. In der Diskussion um
die PID wurde nach deren Zulassung zur Vermeidung bestimmter
schwerer Krankheiten (A) am Ende die Auswahl aufgrund rein kosmetischer
Merkmale wie Haarfarbe oder gar Geschlecht (Z) befürchtet. Fraglich
ist und bleibt, ob die PID diese Kaskade in Gang setzen kann.
Das problematische bei diesem Argument ist, dass es Kausalzusammenhänge
voraussetzt, die letztendlich mindestens zum gegenwärtigen Zeitpunkt
nicht beweisbar sind, sondern rein auf Annahmen und (persönlichen)
Befürchtungen beruhen. Der zweite Knackpunkt des Arguments ist
die Unbeherrschbarkeit der Situation Z. Dieses völlige Entgleisen
der Situation ist weder voraussehbar noch unbeherrschbar. Zum
einen ist eine Gesellschaft vor dem Betreten einer Schiefen
Ebene nie gefeit und zum anderen verfügt der Rechtsstaat und
die Demokratie über Möglichkeiten, ein solches Abgleiten
zu verhindern oder umzulenken. Nicht zuletzt ist der Arzt, der
eine in-vitro Befruchtung vornimmt nicht nur seinem eigenen
Gewissen, ethischen Grundsätzen, Richtlinien und Gesetzen und
nicht zuletzt der öffentlichen Meinung verpflichtet2.
Das Argument der Ensolidarisierung
Folgendes Szenario wäre vorstellbar. Mit Einführung
der PID könnte die Gesellschaft es als verantwortungslos
ansehen, wenn prädisponierte Paare das Angebot der PID nicht
wahrnehmen. Die Geburt eines Kindes mit diagnostizierbarer Krankheit
könnte als vermeidbar angesehen werden. Das Aufkündigen
der Solidarität (finanziell oder emotional) wäre die
Folge. Auch bzgl. derartiger möglicher gesellschaftlicher
Folgen unterscheiden sich PID und Pränataldiagnostik nicht
grundsätzlich. Im Gegenteil erscheint es wichtiger, dass
soziale Rahmenbedingungen geschaffen und erhalten werden, die
ein Leben mit Behinderungen oder Krankheiten möglich und
tragbar machen.
Folgerungen
Maio sieht die beschriebene Instrumentalisierung des menschlichen
Lebens aufgrund der Zeugung auf Probe als das schwerwiegendste
Problem der PID an. Gleichzeitig stufen viele Menschen instinktiv
Embryonen nach dem Progredienzmodell mit zunehmender Entwicklung
als immer schutzwürdiger ein. Es stehen also Töten eines
Embryos gegen seine bedingungslose Annahme und Schutzwürdigkeit
im Präimplantationsstadium gegen seine Schutzwürdigkeit
im fortgeschrittenen Entwicklungsstadium.
Ein Verbot der PID wird schwierig aufrecht zu halten sein, so
Maio, solange die Pränataldiagnostik liberal gehandhabt wird.
Andererseits ist der Umkehrschluss als Rechtfertigung der PID
auch nicht ohne Weiteres möglich. Letztendlich erscheint
eine Zulassung der PID unter strenger Diagnosestellung als eine
plausible Lösung.